Risikogruppen in deutschen Unternehmen - Eine Datenanalyse

Home-Office, zeitweise stillgelegte Fabriken und Kurzarbeit, Kinderbetreuung und Unterricht zu Hause - das Coronavirus bringt nicht nur starke, persönliche Einschränkungen für die meisten Menschen mit sich, sondern stellt auch einen tiefen Einschnitt für die Arbeitswelt dar. Im Zuge der aktuellen Überlegungen über eine schrittweise Rückkehr an den Arbeitsplatz, stellt sich auch immer die Frage nach den Risikogruppen.

Aktuell werden die von den Regierungen verhängten Maßnahmen schrittweise gelockert. Steigt die Infektionskurve jedoch wieder an, ist eine erneute Verschärfung denkbar. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat erste Maßnahmen des Arbeitsschutzes bekannt gegeben, doch bei vielen Arbeitgebern herrscht noch immer Unsicherheit, wie er Mitarbeiter am besten schützen kann. Es stellt sich auch die Frage nach Risikogruppen und wie diese innerhalb der Belegschaft erkannt und besonders geschützt werden können.

wellabe hat tausende Check-ups in deutschen Unternehmen durchgeführt. Zahlreiche anonymisierte Gesundheitsdaten erlauben uns, Rückschlüsse auf Risikogruppen innerhalb deutscher Unternehmen zu ziehen. Im Nachfolgenden sollen nun Risikofaktoren definiert werden, ein Überblick zu möglichen Risikogruppen anhand unserer Daten gegeben und daraus potentielle Handlungsempfehlungen für Arbeitgeber abgeleitet werden. 

Risikofaktoren - Was begünstigt einen schweren Verlauf von Covid-19?

Anhand bestehender Studien, die in China oder auch Italien durchgeführt wurden, konnten bereits Risikofaktoren identifiziert werden, die einen schweren Verlauf einer Coronavirus-Infektion begünstigen. Es muss jedoch betont werden, dass es sich hierbei tatsächlich um reine Risikofaktoren handelt. Im Umkehrschluss ist ein schwerer Verlauf bei fehlenden Risikofaktoren nicht ausgeschlossen.

Besonders großen Einfluss hat das Alter. Laut RKI sind 86 % der an Covid-19 Verstorbenen älter als 70 Jahre, der Altersmedian liegt bei 86 Jahren. Da das Renteneintrittsalter bei 67 Jahren liegt, scheint die Auswirkung auf Arbeitnehmer daher gering. Dabei soll jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass ein erhöhtes Risiko bereits ab einem Alter von 50 Jahren besteht. In einer durchschnittlichen Deutschen Belegschaft liegt der Anteil der Mitarbeiter über 50 Jahre bei rund 35 % (vgl. Statistisches Bundesamt, September 2019). 

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Das Auftreten von Begleiterkrankungen, im schlimmsten Fall mehrerer Begleiterkrankungen gleichzeitig, begünstigt einen schweren Verlauf. Zu den Begleiterkrankungen, welche in Bezug auf Covid-19 besonders berücksichtigt werden sollen, zählen unter anderem:

  • Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems (u.a. ischämische Herzkrankheit, Vorhofflimmern, hoher Blutdruck)
  • Chronische Lungenkrankheiten (u.a. COPD, Asthma) 
  • Diabetes mellitus
  • Autoimmunkrankheiten (u.a.Rheuma oder Multiple Sklerose) 
  • Aktive Krebserkrankungen innerhalb der letzten fünf Jahre
  • Chronische Leber- und Nierenerkrankungen

Rauchen wird ebenfalls zu den Risikofaktoren gezählt, das Evidenzlevel ist momentan allerdings noch gering. Sicher ist jedoch, dass Personen, welche den oben genannten Risikofaktoren zugeordnet werden können, eines besonderen Schutzes bedürfen. 

Risikogruppen in der Belegschaft - ein Beispiel anhand Daten von Gesundheits-Check-ups

In Deutschland sind momentan mehr als 33 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig in unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern beschäftigt, davon in etwa 54 % Männer und 46 % Frauen. 34 % sind bereits über 50 Jahre alt (vgl. Statistisches Bundesamt, 06/2019).

Unsere Stichprobe besteht aus 6.400 Personen, davon circa 58 % Männer und 42 % Frauen, etwa 30 % sind bereits älter als 50 Jahre. Die Mitarbeiter sind in verschiedenen Unternehmen in ganz Deutschland tätig. Obwohl der Großteil der Personen einer sitzenden Tätigkeit im Büro nachgeht, können aufgrund der vergleichbaren, demographischen Verteilung und Stichprobengröße Rückschlüsse auf Risikogruppen innerhalb deutscher Unternehmen getroffen werden. Die Daten stammen von durchgeführten Gesundheits-Check-ups, bei denen Messungen zum Herz-Kreislauf-System, Stoffwechsel, zur Lungenfunktion sowie Körperzusammensetzung ausgeführt wurden.

Im Nachfolgenden wird vor allem auf einen erhöhten/hohen Blutdruck, sowie auf Messwerte, welche Indizien für Diabetes und obstruktive Lungenerkrankungen darstellen, eingegangen. Für Bluthochdruck gilt der Richtwert des systolischen Blutdrucks ab 130 mmHg als erhöht. Es muss hervorgehoben werden, dass innerhalb der Stichprobe keine endgültige Diagnose für Diabetes mellitus oder beispielsweise COPD vorliegen muss, die gemessenen Werte sind jedoch Hinweise für im Zusammenhang stehende, gesundheitliche Probleme. Messwerte lassen hier auf eine mäßige bis schwerwiegende obstruktive Lungenerkrankung (z.B. bei Asthma und COPD: FEV1/FVC < 0.7) sowie Prädiabetes/Diabetes mellitus (Nüchternblutzucker > 100 mg/dl) schließen.

Mitarbeitergruppe Ü50 - Wie hoch ist das Risiko wirklich?

Da ein Alter ab 50 Jahren bereits einen wichtigen Risikofaktor darstellt, betrachten wir diesen Personenkreis im Nachfolgenden fokussiert. Etwa 30% (N=1.905) der Gesamtstichprobe sind über 50 Jahre alt, weshalb für über ein Drittel bereits ein erhöhtes Risiko vorliegt. Unsere Daten zeigen, dass etwa nur 5 % der über 50-Jährigen den wellabe Gesundheits-Check-up mit perfekten Werten abgeschlossen haben. Dies lässt vermuten, dass einige Personen von weiteren Risikofaktoren betroffen sind, welche das Risiko eines schweren Verlaufs zusätzlich erhöhen.

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Die Verteilung zeigt, dass in der Altersgruppe Ü50 vor allem erhöhter/hoher Blutdruck ein Problem (<43 %) darstellt, insbesondere für Männer, von denen mit circa 48 % fast die Hälfte betroffen sind. Aber auch für mehr als ein Drittel der Frauen liegen in dieser Altersgruppe Probleme mit dem Blutdruck vor. Ebenfalls jeweils über 15 % weisen Messwerte vor, welche auf eine obstruktive Lungenerkrankung oder Diabetes mellitus hindeuten. Auch hier sind Männer deutlich stärker betroffen als Frauen. 

Besondere Gefahr: Kumulierte Risikofaktoren

Je mehr Risikofaktoren einer Person gleichzeitig zuzuordnen sind, desto höher ist das Risiko einer Covid-19-Infektion mit schweren Komplikationen - vor allem in der Altersgruppe ab 50 Jahren. Die nachfolgende Tabelle zeigt, wie viele Personen innerhalb dieser Altersgruppe jeweils für ausschließlich eine, zwei oder sogar für alle drei der Fokus-Risikofaktoren (Erhöhter Blutdruck, Diabetes mellitus oder obstruktive Lungenerkrankung) in Frage kommen.

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Die Zahlen zeigen, dass etwa 35 % der Mitarbeiter in der Altersgruppe Ü50 von ausschließlich einer der genannten Risikofaktoren betroffen sind. Besonderer Schutz muss vor allem für die Personen gelten, welche gleichzeitig zwei oder mehrere Nebenerkrankungen aufweisen. Mehr als 20 % sind von zwei Risikofaktoren betroffen, über 3 % sogar von allen drei Nebenerkrankungen. Hier ist das Risiko für einen schweren, im schlimmsten Fall tödlichen Verlauf, stark erhöht. 

Mitarbeitergruppe bis 49 Jahre: Ist auch hier Vorsicht geboten?

Covid-19 scheint für unter 50-Jährige insgesamt mit einem niedrigeren Risiko verbunden zu sein. So lag in China die Covid-19-Sterberate neuesten Zahlen zufolge bei den unter 50-Jährigen bei etwa
0,4 %. Vier von 1.000 Patienten verstarben somit an den Folgen einer Coronavirus-Infektion. Dennoch sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass es auch in dieser Altersgruppe Personen mit einem erhöhten Risiko für schwere Verläufe gibt, wobei auch hier Nebenerkrankungen eine wichtige Rolle spielen und Arbeitsausfälle bedingen.

Unsere Daten zeigen, dass für Personen unter 50 Jahren ebenfalls nur ein sehr geringer Anteil  (10,1 %) perfekte Werte bei dem durchgeführten wellabe Gesundheits-Check-up aufweisen. Dies lässt Grund zur Annahme, dass auch die jüngere Mitarbeitergruppe bis 49 Jahre (N=4496) von den Risikofaktoren betroffen ist. 

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Wie zu erwarten, fällt der Anteil an von den Risikofaktoren betroffenen Personen in der Altersgruppe bis 49 Jahre um einiges geringer aus - so sind beispielsweise etwa 20 % der unter 50-Jährigen von erhöhtem/ hohem Blutdruck betroffen. Dies tritt bei Frauen (knapp 10 %) deutlich seltener auf, als bei Männern (knapp 30 %). Dieser Effekt ist im Vergleich zu der Altersgruppe über 50 Jahren noch einmal verstärkt. Für knapp 9 % der unter 50-Jährigen gibt es Hinweise auf Prädiabetes/Diabetes mellitus, für knapp 10 % Indizien für eine obstruktive Lungenerkrankung.

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Trotzdem gilt, dass knapp ein Viertel der bis 49-Jährigen von ausschließlich einem der Risikofaktoren betroffen ist, weiterhin knapp 9 % von gleichzeitig zwei Risikofaktoren. Geschlechtsspezifische Unterschiede sind sehr stark ausgeprägt. Während 13.5 % der Männer gleichzeitig von zwei der Risikofaktoren betroffen sind, sind es bei den Frauen nur etwa 3 %. Trotz der geringen Zahl schwerwiegender Risikofälle ist es wichtig, auch diesen Arbeitnehmern den Schutz zu gewähren, den die betroffenen Personen benötigen.

Einschätzung zum persönlichen Risiko

wellabe möchte Ihnen dabei helfen eine für Sie passende Risikoeinschätzung zu erhalten, daher haben wir einen kurzen Fragebogen, basierend auf aktuellen Informationen des RKIs, erstellt.

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Notwendigkeit des Schutzes der Mitarbeiter - die Pflicht des Arbeitgebers 

Trotz Simplifizierung können aufgrund von Stichprobengröße und -verteilung einige Handlungsempfehlung für die Zeit nach Lockerung der Maßnahmen aus den Daten abgeleitet werden. Wir merken an, dass allgemeine Zahlen insgesamt höher ausfallen können, da im Rahmen dieser Untersuchung ausschließlich auf drei aller bestehenden Risikofaktoren eingegangen werden konnte. 

Da das Virus auch nach den anstehenden Lockerungen nicht verschwunden ist, gilt es vor allem dann, die identifizierten Risikogruppen fortwährend zu schützen, um schwere Verläufe von Corona und eine Überlastung des Gesundheitssystems weiterhin so gut wie möglich zu verhindern. 

Unsere Daten machen diese Notwendigkeit unmissverständlich. Ein Großteil der Mitarbeiter ist von gesundheitlichen Risikofaktoren betroffen, welche einen schweren Verlauf der Covid-19-Erkrankung begünstigen. Besonders geschützt werden sollte hier vor allem die Mitarbeitergruppe ab 50 Jahren, welche einerseits bereits durch ihr Alter, aber auch durch ein häufiges Auftreten von Risikofaktoren einem hohen Risiko im Falle einer Infektion ausgesetzt sind. Dass beispielsweise mehr als 40 % der über 50-Jährigen an erhöhtem/hohen Blutdruck leiden und mehr als 20 % von zwei der Risikofaktoren betroffen sind, zeigt genau dies -  der Anteil der Personen, die eines besonderen Schutzes bedürfen, ist in dieser Altersgruppe erheblich.

Unsere Daten zeigen auch, dass in der Altersgruppe bis 49 Jahre zwar für weniger Personen, aber immer noch für einen nennenswerten Anteil, ein erhöhtes Risiko vorliegt. So sind beispielsweise knapp 9 % der Personen von gleichzeitig zwei der Risikofaktoren betroffen. Für jüngere Gruppierungen innerhalb dieser Altersgruppe werden die Anteile jedoch zunehmend geringer. Trotzdem: auch hier muss ein ausreichender Schutz gewährleistet werden.

Unsere Zahlen zeigen, dass Frauen, besonders in der Altersgruppe bis 49 Jahre, von weniger Risikofaktoren betroffen sind. Statistiken, die zeigen, dass bei Männern ein höheres Risiko für schwere Verläufe sowie eine höhere Sterberate besteht, können auf Grundlage unserer Daten darauf zurückgeführt werden, dass bei Frauen eine insgesamt niedrigere Häufigkeit bestimmter Risikofaktoren vorliegt.

Arbeitgeber haben, gemäß § 618 BGB eine Fürsorgepflicht inne. Es gilt den Mitarbeiter zu schützen, insbesondere oben genannte Personengruppen, für welche ein erhöhtes Risiko im Falle einer Infektion besteht. Das heißt, dass für die Rückkehr an den Arbeitsplatz Vorkehrungen zu treffen sind. Informationen zu den zu berücksichtigenden medizinischen, aber auch sozialen Faktoren finden sich im wellabe Magazine. 

 

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